-
Wirtschaft
Verletzlicher Klassenprimus
Baden-Württemberg ist zwar arm an Rohstoffen, hat es aber trotzdem an die Spitze von Deutschland und Europa geschafft. Hohe Innovationskraft und exzellente Qualifikation. Das sind die Energiequellen, die Baden-Württemberg seit Jahrzehnten erfolgreich antreiben und zum Vorbild in ganz Europa gemacht haben.
Spitzenreiter bei den Patentanmeldungen, forschungsintensivste und hochschulreichste Region in Europa, überdurchschnittlich viele Innovationen – das kann sich Baden-Württemberg stolz auf die Fahnen schreiben.
Das Land verzeichnet eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten der Bundesrepublik. Mehr als jeder Zehnte der Arbeitnehmer hat einen Hochschulabschluss, viele von ihnen sind in Hochtechnologie- und Zukunftsbranchen angestellt. Aber Baden-Württemberg weist auch einen überdurchschnittlich hohen Anteil un- und angelernter Tätigkeiten auf.
Die Industrie in Baden-Württemberg ist exportstark. Bekannte Global Player, hochspezialisierte Weltmarktführer, aber auch ein solider Mittelstand haben den guten Ruf des Bundeslandes geprägt.
Doch dieses auch in der Öffentlichkeit gern gemalte Bild des „Müsterländle“ hat Kratzer bekommen.
Die Wachstumsraten des Landes liegen seit zehn Jahren unter dem Durchschnitt. Im Vergleich mit anderen europäischen Bechmark-Regionen ist Baden-Württemberg in diesem Zeitraum sogar auf den letzten Platz durchgereicht worden.
Die Weltwirtschaftskrise hat die Region besonders hart getroffen. Etwa 60.000 Arbeitsplätze wurden binnen kürzester Zeit abgebaut. Viele von ihnen im verarbeitenden Gewerbe, das abhängig vom Export in andere Länder ist.
Zwar erholt sich die Wirtschaft des Landes langsam wieder von dem Schock. Doch allen ist klar: Das Bild Baden-Württembergs muss und wird sich ändern. Wenn wir auch in Zukunft sichere Beschäftigung wollen, müssen wir den Strukturwandel aktiv gestalten.
Investiert die Wirtschaft wirklich genügend in gut ausgebildete, motivierte Fachkräfte? Oder läuft sie nur kurzfristigen Renditechancen hinter. Die Menschen des Landes sind die Stärke Baden-Württembergs. Sie haben das Land mit ihren Ideen nach ganz oben gebracht. Und nur mit Ihnen wird Baden-Württemberg auch ganz oben bleiben können.
-
Fachkräfte
Jetzt handeln gegen den Fachkräftemangel
Der Strukturwandel wird die Entwicklung hin zu qualifizierteren Anforderungen weiter verstärken. Wie kann man diesen Wechsel beherrschen ohne dass es zu chronischer Arbeitslosigkeit für Un- und Angelernte einerseits, einem Mangel an Akademikern und Fachkräften andererseits kommt?
Ergebnisse einer von der Landesregierung beauftragten Studie sagen: Schon in zwanzig Jahren können in Baden-Württemberg etwa eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen, rund 10 % aller Arbeitsplätze werden unbesetzt bleiben! Allein 250.000 Hochschulabsolventen werden dem Land 2020 fehlen, weitaus mehr als im Bundesdurchschnitt. Zudem werden rund 250.000 Erwerbsfähige mit Berufsabschluss gebraucht.
Es ist Zeit zu handeln. Wirtschaft und Politik sollten trotz aktueller Krise alles tun, um die drohende Lücke beim Bedarf von Arbeitskräften zu verhindern. Noch ist es möglich gegenzusteuern, so die Einschätzung aller aktuellen Expertisen.
Das Land benötigt höhere Qualifikationen und lebenslanges lernen. Hierfür muss zunächst die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsabschluss verringert werden.
Die Ressourcen von Frauen und von Menschen mit Migrationshintergrund müssen stärker aktiviert und genutzt werden. Hier kommt insbesondere der beruflichen Bildung eine Schlüsselrolle bei der Beseitigung des Fachkräftemangels zu.
Für die Unternehmen hat ein Mangel an Arbeitskräften verheerende Folgen: weniger Umsatz, weniger Gewinn, weniger Wachstum und gebremste Innovationskraft bis hin zur Gefährdung des gesamten Standorts.
Baden-Württemberg muss jetzt handeln, ehe es zu spät ist.
-
Junge Generation
Schlechte Perspektiven für die Jugend
Die junge Generation in Deutschland und in Baden-Württemberg ist auf dem Arbeitsmarkt stark benachteiligt. Über ein Drittel der 15- bis 24-jährigen arbeitet nicht in unbefristeten, sondern geringfügigen, Leiharbeits- oder befristeten Arbeitsverhältnissen.
Eine Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes ergab zudem, dass 2009 mehr als ein Drittel der Auszubildenden nach dem Ende ihrer Lehrzeit keine berufliche Perspektive in ihrem Ausbildungsbetrieb erwarten konnten.
Auch ein Studium schützt junge Menschen nicht mehr vor prekärer oder unsicherer Beschäftigung. Fast 40 Prozent der Hochschulabsolventen werden nach dem Abschluss in Praktika gezwungen, obwohl sie zu 87 Prozent bereits während der Studienzeit Praxiserfahrung nachweisen können.
Die Praktika nach dem Studium dauern in der Regel sechs Monate, sind unterbezahlt und die Betroffenen sind auf Nebenjobs oder die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen, um über die Runden zu kommen. Lediglich 37 Prozent der ehemaligen Studenten fanden sich dreieinhalb Jahre nach dem Studium in einer unbefristeten Anstellung wieder.
Perspektivlosigkeit demotiviert. Oft suchen junge, gut ausgebildete Menschen daher ihre berufliche Zukunft im Ausland und gehen dem deutschen Arbeitsmarkt verloren. Doch Unsicherheit schadet vor allem auch den Betroffenen selbst. Diverse wissenschaftliche Studien zeigen eine enorme Zunahme von psychischen Erkrankungen unter jungen Beschäftigten. Unsicherheit führt bei vielen zu Schlafstörungen, Lernhemmungen und Versagensängsten.
-
Bildung
Mehr Bildung und Betreuung gegen den Fachkräftemangel
Bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels kommt dem Bildungssystem eine Schlüsselrolle zu. Gleiche Bildungschancen zu gewähren ist vor allem eine Frage der Gerechtigkeit, aber auch ein Gebot wirtschaftlicher Vernunft. Während die Geburtenraten immer weiter zurückgehen, wächst der Bedarf an qualifizierten Beschäftigten. Kinder, denen heute aufgrund ihrer kulturellen oder sozialen Herkunft der Bildungsweg verbaut wird, fehlen den Unternehmen als Fachkräfte.
Kitas, Horte und Ganztagsbetreuung in Schulen wirken gleich doppelt gegen den Fachkräftemangel. Langzeitstudien zeigen, dass frühkindliche Bildung die Chancen von Kindern mit Migrationshintergrund und aus einkommensschwachen Familien deutlich erhöhen. Und ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot, auch in Ganztagsschulen, ermöglicht Eltern, Familien- und Arbeitsleben miteinander zu vereinbaren.
Derzeit müssen viele qualifizierte Beschäftigte jahrelang komplett aus dem Beruf aussteigen, um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Trotz einiger Fortschritte in den letzten Jahren belegt das Land bei den Investitionen in Kinderbetreuung noch immer einen der letzen Plätze.
Die Schulen Baden-Württembergs sind in der Gesamtsicht leistungsstark.
Gleichzeitig sind die Bildungschancen in kaum einem anderen Land so ungleich verteilt. Laut Bertelsmann-Stiftung haben Kinder aus „Arbeiterfamilien“ 6,5 Mal geringere Chancen, es auf das Gymnasium zu schaffen als ihre Mitschüler aus „Akademikerfamilien“.
Wer es trotz kleinem Geldbeutel zum Abitur schafft, dem versperren seit einigen Jahren Studiengebühren den Zugang zu den Hochschulen.
Eine aktuelle Allensbach-Studie belegt, dass finanzielle Schwierigkeiten der mit Abstand häufigste Grund für die Entscheidung gegen ein Studium ist. Die Vergabe von Stipendien löst dieses Problem der Untersuchung zufolge nicht, denn auch hier entscheidet die soziale Herkunft über die Erfolgschancen.
-
Strukturwandel
Wer erfolgreich bleiben will, muss sich verändern
Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat Deutschland und Baden-Württemberg mitten in einer Aufschwungphase getroffen. Kaum zwei Jahre nach dem großen Einbruch der weltweiten Nachfrage läuft die Industrie fast wieder auf Hochtouren.
Doch das Umfeld für zukünftiges Wachstum hat sich verändert. Die Märkte haben sich nach Osten verschoben. Produkte und Wachstumspotentiale fokusieren sich auf den Megatrend der Ressourcenschonung. Der demographische Wandel nimmt an Dynamik zu. Der von diesen Themen ausgehende Veränderungsdruck ist enorm.
Baden-Württemberg hat das Potential diesen strukturellen Wandel erfolgreich zu gestalten. Gerade weil hier eben nicht einseitig auf das falsche Pferd einer reinen Dienstleistungsorientierung gesetzt wurde.
Spätestens mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist die Erkenntnis gereift, dass sich nachhaltiges Wachstum im Nukleus der Wertschöpfungskette entscheidet: Der verarbeitenden Industrie.
Neue Akzentuierungen und Schwerpunktsetzungen aller Akteure des Landes werden gebraucht: Politik, Unternehmen und auch Gewerkschaften.
Unbestreitbar ist: Ohne die notwendigen Fachkräfte lässt sich dieser Wandel nicht gestalten. Eine erfolgreiche Beschäftigungspolitik muss sich daran messen lassen, was sie beiträgt, Fachkräfte zu entwickeln, deren Wissen laufend zu aktualisieren und zu erweitern und sie im Land zu halten.
-
Investitionen
Immer weniger Investitionen in die reale Wirtschaft
Automobil- und Maschinenbau bilden traditionell den Kern der baden-württembergischen Wirtschaft. Doch seit fast 20 Jahren gehen die Investitionen in dieser Branchen immer weiter zurück.
Diese Entwicklung ist für das Land besonders bedrohlich, da es wie kein anderes von seiner Industrie lebt. Am nötigen Kapital mangelt es dabei nicht. Investitionen in Finanzmarktprodukte haben zugenommen. Das schmerzhafte Ergebnis waren die Blasen, die die gesamte Weltwirtschaft an den Rand des Ruins getrieben haben.
Wollen wir Baden-Württemberg wieder nach vorne bringen, brauchen wir keine Investitionen in Fantasiewerte. Aber wir brauchen Bereitschaft und Wagnis zu Investitionen in der Realökonomie.
Dabei geht es auch um Investitionen in Forschung und Entwicklung. Aber auch um die Industrialisierung neuer, moderner Produkte und Dienstleistungen an den Standorten des Landes.
Nur so steht auch morgen auf den Produkten noch „Made in Baden-Württemberg“ und nicht nur „Developed and designed in Baden-Württemberg“.









Bitte warten...